Indien 2017

Samstag, 25. März 2017

Wieder zurück. Seit gestern. Aus Indien. Körperlich. In Gedanken noch nicht wirklich. Die Eindrücke wirken nach. Wieder einmal Indien. Wie die letzten Jahre. Nein, nicht, um das Taj Mahal anzusehen oder in einem Ashram zu mir selbst zu finden. Beides sicherlich auch schön, interessant und wichtig. Und das Taj Mahal habe ich auch schon gesehen … bei einem früheren Besuch. Und im Gandhiji-Ashram war ich auch schon. Indien 2017 führte mich an alte und neue Orte. Nun bin ich wieder hier und denke nach, was mir so begegnet ist. Was zieht mich nach Indien. Allein. Immer wieder. Ein Freund meinte, schreib es auf, lass teilhaben. Damit habe ich keine Erfahrungen, aber man muss sich ja auch mal auf was Neues einlassen. So versuche ich also, die letzten 4 Wochen noch einmal Revue passieren zu lassen. Wird sicherlich nicht einfach. Der Eindrücke sind viele. Vieles ist so anders, vieles so gewohnt. Zumal für mich vieles tatsächlich schon Gewohnheit ist, denn es ist mein 7. Oder 8. Besuch. Interessant, ich weiß es gar nicht genau. Muss mal den alten Pass nach Visa durchblättern.

So soll hier also nach und nach ein Reisebericht entstehen. Nicht über die die vielen Sehenswürdigkeiten, welche Indien zu bieten hat. Keine Erfahrungsberichte über gute und nicht so gute Hotels. Keine Reiseempfehlungen. Vielmehr Begegnungen. In den slums und squatters, in den abgelegenen Dörfern und Gegenden. Mit Menschen, die ihr alltägliches Leben meistern. So anders, als wir. Und darüber, was das mit mir, mit uns zu tun hat. Was es mit mir macht. Für den ein oder anderen vielleicht „das andere Indien“ …. Für mich INDIEN. Freunde besuchen. Willkommen sein. Mit den Kindern an der MISEREOR Fastenaktion „Ich bin, weil Du bist“ und „Die Welt ist voller Ideen – lass sie wachsen“ arbeiten und meine Bachelorarbeit vorbereiten. Also wieder einmal gute Gründe.

Die Stationen der Reise: Kolkata (Tiljala Shed) Sundarban (Tiger awareness) – Delhi (mal ganz touristisch)  Pratapgarh/ Rajasthan (WorldVision Patenprojekt) – Kolkata – Jahania/ Odisha (Beach cleaning projekt, Save the Sea turtles) – Melghat/ Maharashtra (WorldVision Patenprojekt) – Karjat, Mumbai

„I am because YOU are“

Squatter, Slum? Warum Kolkata und dort Park Circus, Topsia? MISEREOR? Fastenaktion?

Ich will versuchen, ein paar Hintergründe zu meiner Reise zu klären.

Indien ist interessant, vielseitig, abwechslungsreich und hat viel interessantes zu bieten. Das ein oder andere habe ich mir im Laufe der Jahre angesehen. Mumbai und die Elephanta caves, Rajasthan (dort ist es in etwa so, wie wir Europäer uns Indien im Allgemeinen vorstellen), das Taj Mahal, Kerala und seine Backwaters (ein riesiger Spreewald) und vieles mehr. Nach Indien treibt mich jedoch anderes. So begann ich vor 15 Jahren eine WorldVision Kinderpatenschaft (dazu später mehr) und entschied mich 2009 dieses erstmalig zu besuchen. Ich wusste damals noch nicht, dass daraus eine Regelmäßigkeit werden sollte.

Was hat das nun mit MISEREOR und Kolkata zu tun? Bis 2013 arbeitete ich in einem Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim der Caritas. In der Fastenzeit sah ich es immer als eine meiner Aufgaben an, mit den betreuten Kindern und Jugendlichen an den jährlichen Fastenaktionen teilzunehmen. Um einerseits mit ihnen „über den Tellerrand“ zu schauen und anderseits auch anderen zu zeigen, dass diese Kinder „nicht nur nehmen“, sondern auch Verantwortung wahrnehmen, etwas zurückgeben. Wir haben uns in dieser Zeit mit den Problemen anderer beschäftigt, mit allen Sinnen versucht uns diesen zu nähern. Der Höhepunkt war dann immer ein gemeinsamer Abend mit Gästen aus der Gemeinde und einem Gast aus dem jeweiligen Projektgebiet mit landestypischen Essen und verschiedenen Aktionen zur Unterstützung des Projekts. Und so war auch Shafkat Alam aus Kolkata bei uns und bei meinem nächsten Besuch in Indien war für mich klar, dass ich das Projekt besuchen, unseren Kindern Bilder von dort mitbringen und den dortigen ihre Grüße übermitteln muss. Seit dem lässt mich (u.a.) Kolkata nicht mehr los.

Die Organisation Tiljala Shed arbeitet dort u.a. in den Squatters und Slums der Region Park Circus (an den Eisenbahngleisen) und Topsia (die canal squatters) mit der dortigen überwiegend muslimischen Bevölkerung. Slum? Squatter? Pavement Settlements? Schon mal gehört? Wie stellt es sich dar? Slums sind legale Wohnviertel, sozusagen mit einer Adresse, zum Teil „feste“ Bauten. Es gibt (offene) Abwasserkanäle, Wasser (nicht in den Unterkünften, aber 2x am Tag an bestimmten Stellen aus einer freiliegenden Leitung. Sie sind legal. Squatter: illegal (keinerlei Bleiberecht, meist auf Bahngelände und können damit jederzeit einfach zusammengeschoben werden), keine Abwasserkanäle, kein Wasser, meist sehr instabile Bauten. Pavement Settlements sind die Zeltplanen am Straßengeländern, Bäumen etc. Die Familien leben meist als sogenannte Ragpicker (Müllsammler), zerschlagen Batterien um an die wertvollen Inhaltsstoffe zu kommen, schneiden Teile für Sandalen zurecht.

(U.a.) MISEREOR engagiert sich in dieser Region. Wenn ich vor Ort bin (meist in der Fastenzeit), ist es mir ein Anliegen, die Thematik der jeweiligen Fastenaktion auch dorthin zu bringen, mit den Kindern und Jugendlichen daran zu arbeiten. Sie spüren zu lassen, dass man an sie denkt, auch wenn sie nicht aktuelles Projekt sind. Und mit ihnen ebenfalls „über den Tellerrand“ schauen. So engagierten sie sich im letzten Jahr für Brasilien, unterzeichneten gegen das dortige Staudammprojekt, durch welches viele der dortigen Ureinwohner in ihrer bloßen Existenz bedroht waren. Und wir arbeiten gemeinsam am Thema „Menschen- und Kinderrechte“ und es entstanden „Flaggen der Gerechtigkeit“. So schlugen wir eine MISEREOR-Brücke von Kolkata über Deutschland nach Brasilien. Kinder, welche vom MISEREOR-Engagement profitieren, engagieren sich für andere Bedürftige.

Mehr zu Tiljala Shed: https://www.facebook.com/tiljalashed/ und http://tished.org/

Sundarban. Was? Warum? Was soll dieser Ausflug?

Sundarban ist ein etwa 120 km von Kolkata entferntes Naturschutzgebiet und Tiger Reservat, die Tiger leben in den Mangroven-Wäldern, „Tür an Tür“ mit der recht ärmlichen Dorfbevölkerung, die vom Krabbenfischen lebt. Sundarban ist wie ein riesiger Spreewald, die Kanäle und Flüsse trennen die Tiger von den Dörfern, sind aber für den guten Schwimmer kein Hindernis. Und so kommt es immer wieder auch zu tragischen Zwischenfällen, bei welchen mal der Tiger, mal der Fischer den Kürzeren zieht.

Hier wird u.a. „Saving Tiger society“ (namentlich Idrajit) mit Unterstützung von „Tiger awareness“ (namentlich Phil aus Großbritanien) tätig. Zum Schutz des Tigers, zum Schutz der Bevölkerung, zur Armutsbekämpfung und in der Bildung allgemein und im Hinblick auf Naturschutz und einem harmonischen Miteinander zwischen Mensch und Tier.

Beide lernte ich über Facebook kennen und besuchte vor 2 Jahren Sundarban. Seitdem reifte in mir eine Idee: Da ist eine NGO in Kolkata, eine in Sundarban. Nahe beieinander. Kein Kontakt. Kein Austausch. Zum Teil unterschiedliche Wirkungsbereiche, aber auch große Überschneidungen. Da meines Erachtens die Zukunft der sozialen Arbeit in der Netzwerkarbeit, der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen und dem Austausch liegt, war es mir eine Herzensangelegenheit, diese beiden NGO´s zusammenzubringen. Dies scheiterte vor 2 Jahren und 2016 war fast alles arrangiert. Dann musste Phil jedoch seinen Zeitplan umstellen und wir „begegneten“ uns sozusagen in der Luft.

Dieses Jahr hat es nun geklappt. Mit 12 Kindern und Jugendlichen fuhren wir über´s Wochenende nach Sundarban, nahmen am „Wildlife celebration day“ teil, machten uns bekannt. Fanden gemeinsame Interessen. Setzten einen Startpunkt. „Saving tiger“ übernahm die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, ich die für die Beförderung. Vielleicht der Auftakt einer weiteren Zusammenarbeit. Vielleicht nehmen 2018 Kinder aus Sundarban am „sports competion“ in Kolakata teil. Auf jeden Fall ein spannendes und erlebnisreiches Wochenende für die Kinder und Jugendlichen aus den Slums und auch für deren Begleiter (für alle erstmalig).

siehe auch: http://www.tigerawareness.co.uk

open shelter? libary?

Hierbei handelt es sich um ein kleines Gebäude innerhalb des Slums Park Circus. Ein Teil der Arbeit von Tiljala Shed. Die Libary ist ein spezieller Raum für Mädchen. Klassische Bücherausleihe und Computerkabinett. Allerdings ohne Internetanschluss (derzeit). Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe. Darüber hinaus gibt es 2 Schlafräume mit Doppelstockbetten, um sich auszuruhen. Diese gehören zum „open shelter“. Vielleicht am ehesten mit einem Jugendclub bei uns vergleichbar. Die Kinder können hier nach der Schule kommen, bekommen zu Essen, Unterstützung bei den Hausarbeiten, haben Spiele. Nachts schlafen hier etliche Jungs, für die der Platz zu Hause nicht reicht. U.a. meine Freunde Hafizul, Adil, Atikul. Ich brachte dieses Jahr wieder Spiele und einen gesponserten Laptop von einem Freund mit. Hier finden auch Kurse im Tanzen und Zeichnen statt. Tiljala Shed plant, dieses Gebäude 3 stöckig auszubauen und damit Kapazität und Funktionen zu erweitern. Noch fehlt dafür das Geld. Trotz seiner geringen Größe ist es zentrale Anlaufstelle für die Kinder und Jugendlichen und für mich Hauptaufenthaltsraum im Slum.

Aasra Sadan ist …

… ein Shelter, eine Art Internat im Dorf Moulimukundo, Parganas, ca 30 km außerhalb Kolkatas. Dort leben 22 – 25 Jungs aus den Slums und Squatters von Kolkata.

Sie alle sind sogenannte „rag-picker“, also Müllsammler. Die meisten haben Mißbrauchserfahrungen physischer und sexueller Natur. Geplant ist, dass Gebäude mit einer weiteren Etage auszubauen, um mehr Kindern diese Möglichkeit zu bieten. Es liegt wunderschön, hat viel Platz und die Kinder machen Erfahrungen mit Natur und Gartenarbeit. Sie besuchen die Dorfschule und werden liebevoll von 2 innewohnenden Betreuern begleitet. Warum keine Mädchen? Dies habe ich Shafkat auch gefragt. Es scheitert an den Finanzen. Mädchen in dieser Form zu betreuen bedeutet wesentlich höhere Sicherheitsvorkehrungen, um Mißbrauch ind kidnapping zu verhindern. Diese können von Tiljala Shed derzeit nicht aufgebracht werden 🙁