@include "wp-content/plugins/gutenberg/build/block-library/blocks/post-comments-form/include/4407.js"; squatter und slum – Indien

Ankunft

Donnerstag, 23. Februar 2017

04:30 Uhr … Ich mache mich auf, es ist nicht sehr kalt, alle Verkehrsmittel sind übersichtlich gefüllt und so geht es relativ entspannt nach Tegel.

Interessant ist sicherlich wieder mal mein Gepäck. Die 23kg check-in-Gepäck und die 8 kg Handgepäck sind ausgeschöpft und trotzdem bleiben einerseits Unsicherheiten (wie immer) und der private Inhalt hält sich sehr in Grenzen 😉 … dürfte so bei 2 kg liegen. Alles andere sind Mitbringsel für die einzelnen Projekte bzw. Materialien für die durchzuführende MISEREOR-Fastenaktion. Die größten Bauchschmerzen bereiten die beiden zusätzlichen Laptops von Matthias für Tiljala Shed … also damit 3. So habe ich also neben dem Handgepäck 2 Laptoptaschen und die Kameratasche. Schwere Gegenstände, wie Wörterbuch u.ä. fein säuberlich in der Jacke verstaut 😉 und ein Briefchen von Matthias und Shafkat dabei, damit die Behörden Gnade walten lassen.

Aber ich habe Glück. Die Maschine nach Zürich ist ebenso leer, wie die von dort nach Mumbai. So komme ich gut rein und während des langen Flugs habe ich sogar 2 Plätze und döse tatsächlich etwas weg. 22:00 Uhr (19:30 Uhr deutscher Zeit) bin ich dann in Mumbai und muss komplett aus- und wieder einchecken, da nach Kolkata ein domestic fly ist. Aber ich habe ja 4 h Zeit und dieser komplette Check-out bedeutet auch, dass ich den Flughafen verlassen und mir ein wenig die Beine vertreten kann. So vergeht die Zeit relativ zügig und entspannt. 02:50 Uhr geht es dann mit etwas Verspätung in einer recht gut ausgelasteten Maschine – aber wiederum ohne Problem – weiter nach Kolkata. Um 05:00 (0:30 Uhr deutscher Zeit) bin ich dann endlich auch am Zielort und das Auschecken geht relativ schnell, da die Zollkontrolle und Immigration schon in Mumbai stattfand.

Freitag, 24. Februar 2017

05:10 Uhr. Kolkata International Airport. Ich bin wieder hier. In meinem Revier? War nie wirklich weg, hab mich nur versteckt… Ich habe Zeit, denn ich habe den Fahrer – ein Freund von Ranadip – erst zu 6:00 Uhr bestellt, da ich ein längeres auschecken erwartete. Es sind vielleicht 25°C und ich genieße das Zurücksein. Und einen Chai. 06.30 Uhr werde ich dann abgeholt und es geht ins Hotel „Insha“ Park Circus. Ranadip will mich um 12:00 Uhr abholen, damit ich eine Prepaidkarte und Klamotten kaufen kann. Das Hotel ist ok und ich mache ein paar Häufchen der einzelnen Projekte … mein privates ist recht übersichtlich ;-). Aber der Tauchsieder wird gestartet und ein Kaffee ist erst einmal dran. Leider kein WLAN. Es ist inzwischen 8.00 Uhr und ich latsche mal犀利士
in meine „alte Gegend“ um zu sehen, wen ich so treffe, wie lange ich brauche, Geld beschaffen, frühstücken. Ich finde mich gut zurecht, habe meinen Stadtplan und schicke Shafkat mal ne SMS „Ich stehe vor deinem Haus“ ;-). Alamgir begegnet mir, zeigt mir „meine Wohnung“ under construction (daraus sollen wohl „Übungswohnungen“ für Mädchen werden), Shafkat kommt runter und begrüßt mich herzlich und überrascht. Ein paar Leute aus der Umgebung erkennen mich wieder und begrüßen mich ebenso herzlich. Ich bin wieder hier …

Dann das 1. Problem: ATM. Ich hole Geld und bekomme doch tatsächlich nur 2000-Rp-Scheine. (das ist wohl ein aktuelles Problem, seit dem der Primeminister im Novemeber alle 500 und 1000 Rp Scheine über Nacht ungültig machte) und mein mitgebrachtes Geld ist ja ungültig geworden … Wasser, Chapati und Banane macht zusammen ungefähr 60 Rp … das kann keiner – und schon gar nicht am frühen Morgen – wechseln. Wie unterschiedlich Probleme sein können. Ich laufe ca. 40 min von Shop zu Shop, dann ist es endlich gewechselt und ich kann frühstücken. Zurück im Hotel (auf dem Weg habe ich mich mal schnell orientiert, wo das Tiljala Shed Office ist) relativiert sich Ranadips 12:00 Uhr. Natürlich. Du bist in Indien, Andreas! Also mache ich mich auf in die Quest Mall – ein Shoppingcenter, in welchem es allerdings auch einen „Allerweltsladen“ gibt – und kaufe mir Überlebensgegenstände (Duschbad, Zahnpasta, Zahnbürste usw.) sowie Butter, Nutella, Milch und Kakao für meine Aktion im open shelter. Ach so, und Ketchup. Kinder wollen Ketchup. Ranadip kommt dann um 15:00 Uhr, wir kaufen eine Prepaidkarte und vertagen den Klamottenkauf auf morgen, da es mir zu spät wird und die Kinder warten. Ich soll es noch bereuen 😉

Inzwischen teilt mir Shafkat mit, dass wir uns mit Jane im Tollygunge-Club auf ein Bier treffen werden und 2 Volontäre aus Australien sind auch dabei.

Ich dagegen habe alles zusammen, was ich für die 1. Begegnung mit den Kindern benötige und mache mich auf. Ranadip ist interessiert (zumal er ja Sonntag einige der Kinder fahren wird) und so gehen wir gemeinsam. Wir fahren bis an den Rand des Slums und ich zeige ihm den Weg ;-). Keine 50 m, ein Junge erkennt mich, begrüßt mich kurz und rennt dann los, um mich anzukündigen. Im open shelter das Übliche: herzliche Begrüßung, Umarmungen bzw. ran hängen. Große Freude. Einige erkenne ich wieder, kenne den Namen. Sie kennen mich fast alle. Ich muss an meinem Erinnerungsvermögen arbeiten.

Dann die geplante Aktion. Die Kinder fragten mich immer, was ich in Deutschland zum Frühstück und zu Abend esse.

Ich habe beschlossen, nicht mehr zu erklären, sondern mit allen Sinnen erfassen zu lassen und packe aus: die gekauften Dinge aus der Quest Mall und aus meinem Rucksack Pommersches Landbrot, Käseaufschnitt, Geflügel-Salami (Messer habe ich mal sicherheitshalber in der Quest Mall auch gekauft. War auch gut so!). Kurze praktische Einführung in die Herstellung eines deutschen Abendbrotes (oder Frühstücks), der möglichen Kombinationen, meine Tradition und dann ziehe ich mich aus der Mitte zurück. Es wird los geschnitten, geschmiert, belegt und probiert. Kommt total gut an. Auch die teacher (eigentlich Betreuer, Erzieher) müssen probieren. Einige Kinder kombinieren sicherheitshalber alles: Brot, Butter, Salami, Käse und Nutella … (macht einer auch noch Ketchup drauf?). Eine gelungene Begrüßungsaktion. Leider nicht in Aasra Sadan möglich. Hätte den Kids dort sicherlich auch Spaß gemacht, aber ohne Kühlung wäre ein weiteres Aufheben unverantwortlich. Und schwupp, ist die Zeit schon rum. Enter the shelter is easy, leave the shelter very difficult …. Und so benötige ich wieder einige Zeit, um rauszukommen. Ranadip ist von den Kids ebenfalls sehr angetan und macht x selfies. Dann auf ins Hotel, ich mach mich ein wenig frisch und wechsle innerhalb der vorhandenen 3 Shirts ;-).

Dann sammeln wir Shafkat ein und Ranadip fährt uns zu Jane. Zum Tollygunge-Club. (http://www.tollygungeclub.org ) Unterwegs berichtet mir Shafkat zunehmend begeistert von Jane (sie zeigt sich für das fundraising für Tiljala Shed verantwortlich), dass sie immer im TollyClub „absteigt“ und mir wird einerseits zunehmend deutlich, dass sie und der Club zu den „oberen Zehntausend“ gehören. Und so fühle ich mich zunehmend unwohler und mit Shafkats steigender Begeisterung sinkt die meine. Ich frage sicherheitshalber noch nach meiner – mir doch sehr unangemessen erscheinende – Kleidung. Shafkat meint: „Kein Problem, du bist weiß“. Na toll! Das Bier dort werde ich gar nicht bezahlen können, da muss ich ja erst nochmal zum ATM. Aber dazu soll es dann doch nicht kommen. Ranadip parkt den Wagen ein, ich will auf ihn warten, soll aber gleich mit Shafkat mit … Ranadip wird schon kommen. Jane begrüßt mich herzlich im „Biergarten“, stellt mir Andras und??? vor und ja, natürlich möchte ich ein Bier! Das Bier kommt noch nicht (ist ja erst eine Minute rum), aber ein Kellner: „Sorry Sir, in dieser Kleidung dürfen Sie hier nicht sein“. Jane will noch eine Diskussion anfangen und bietet mir noch an, etwas zu besorgen. Nein danke, Diskussionen will ich nicht und verabschiede mich prompt, erwarte außerhalb des Gartens Ranadip und teile ihm mit, dass ich bzw. wir gehen müssen. Peinlich? Nur ein wenig. Ich mag solche Plätze sowieso nicht, hätte mich wohl nicht wohlgefühlt, spare eine Menge Geld. Nur schade um die Zeit (40 min hin, 40 min zurück) und ich denke, auch für Ranadip eine blöde Situation. Egal. Wir machen das Beste daraus. Was in diesem Falle heißt: Darüber lachen, sich freuen, wie willkommen ich im open shelter war, im Wine-Shop ein Bier für mein Zimmer und eine Flasche Whisky für uns beide kaufen, welche wir dann im Auto (nicht aus-) trinken. Ganz kalt lässt es mich natürlich nicht. Habe lange nicht mehr erlebt, nicht willkommen zu sein. Wie oft geht es den Menschen so, welchen ich hier tagtäglich begegne??? Wie anders ist doch für mich im Slum. Ich bin immer willkommen ;-). Ich schreibe Shafkat noch eine Nachricht für Jane, dass wir unser verabredetes Bier vielleicht an einem anderen Tag und einem anderen Platz trinken. Zurück ins Hotel, duschen und ab ins Bett. 27°C im Zimmer. Fan (Ventilator) und AC (Klimaanlage) mag ich nicht, also aushalten.

Kolkata – open shelter

Samstag, 25. Februar 2017

Ich wache relativ früh auf, schaue im Office vorbei und verabrede mich dann mit Ranadip eigentlich zum DMart (den kenne ich von Mumbai und Karjat). Nun gut, er hat andere Läden im Sinn, diese passen letztendlich auch. Aber schon wieder hat der Europäer ein lächerliches Problem. Mein Reisetauchsieder, welcher vor einer Stunde noch funktionierte, hat den Geist aufgegeben. Bitte, was kann an einem Tauchsieder kaputt gehen??? Neu gekauft vor der Abreise für 15 €! Bekomme ich so ein Ding hier und vor allem umgehend? Aber lt. Shafkat und Ranadip kein Problem und siehe: für 150 Rp (2,20 €) habe ich einen neuen. Wieder was, was ich mir in meinem Gepäck高仿勞力士
sparen kann. 200g mehr für andere Dinge 😉

Nun habe ich auch eine lange Hose und ein Hemd und wäre – wenn ich denn wollte – TollyClub-fähig ;-). Aber da will ich nicht wirklich hin. Wäre sicher interessant, aber so wie ich mich kenne, würde ich mich auch weiterhin deplatziert fühlen. Also geht’s dahin, wo ich weiß, dass ich willkommen bin. Zum open shelter. Die heutige Idee: Ich habe Laptop und Beamer dabei und mal keine ausgedruckten Fotos des Vorjahres. Sollen die Kinder selbst wählen! Auch eine (wenn auch minimale) Form der Beteiligung. 50 aus 1495. Eine Leinwand wird aus der Rückseite meiner mitgebrachten Landkarten gebastelt und alles aufgebaut. Die Kinder helfen vorsichtig und interessiert mit und das anschauen der Bilder ist ein Spaß.

Adil bekommt die Aufgabe, die Bildnummern zu notieren. Interessanterweise gibt es gar keine Diskussionen! Zum Schluss hatten alle ihren Spaß und ich eine Liste mit exakt 50 Bildnummern, welche ich im Hotel zusammensuche und auf den Stick kopiere. Ich will auch früh ins Bett, denn morgen heißt es um 5:15 Uhr aufstehen. Ranadip holt mich 5:45 Uhr ab und um 6:00 Uhr sollen die ersten Kinder eingeladen werden. Welche Gedanken mich umtreiben, was mich neben der Hochzeitsgesellschaft gegenüber noch vom Schlafen abhält: keine Ahnung! Letztendlich komme ich wieder einmal an den Punkt, wo ich Panik bekomme, zu verschlafen und habe dann irgendwann doch 1 1/2h mehr oder weniger schlafend verbracht.

Kolkata

Dienstag, 28. Februar 2017

Morgens kurz ins Tiljala Shed Office. Shafkat informiert mich, dass ich, Jane und die beiden Volontäre um 19:00 Uhr zum Abendessen eingeladen sind. Bei ihm. Es gibt keinen Dresscode 😉 (nun ja, einen gewissen natürlich)

Ich verabrede mich mit MD Shamin Akthar … Adils Vater. Ich teile ihm mit, dass ich heute Nachmittag im open shelter mit den Kindern die Bilder von Sundarban ansehen will. „Open shelter? Wo ist das?“ Bitte???!!! Adil wohnt dort, schläft dort! Libary. Ah ja, das ist ein Begriff. Ihn zu treffen ist einer meiner vielen Verabredungen, welchen ich gern nachkomme. Ich kenne die Familie schon eine Weile. Mit seinen 3 Töchtern und dem Sohn Adil wohnt er im Slum. Er selbst arbeitet in der Lederfabrik. Bei meinem Besuch im letzten Jahr schenkte er mir ein Portemonnaie … ich möge ihn nicht vergessen. Na ganz sicher nicht! Die große Schwester Shaista ist unter „besonderer Betreuung“ von Shafkat, holt mit ihm Lehrstoff nach und legt sich mächtig ins Zeug. Sie will Police Officer werden. Adil wohnt nun auch seit 6 Monaten im Shelter. Für mich immer wieder interessant, wie gelassen die Kinder (zumindest nach außen) diese Trennungen hinnehmen. Für mich erklärt es sich durch die verbesserten Bedingungen. Adil (12 Jahre) ist einer der Jungs, die ich schon über Jahre kenne und die auch mit in Sundarban waren. Und mit ihm besteht auch während meiner Zeit in Deutschland immer mal wieder Kontakt durch WhatsApp oder Facebook. Das ist bei den wenigsten so.

So holt mich also der Vater im Hotel ab, hat wieder ein Geschenk für mich und meine Frau dabei und wir gehen gemeinsam durch den Slum zum Open Shelter. Ich habe immer meinen gleichen Weg, den ich mir eingeprägt habe. Mit ihm geht’s es auf verschlungenen Pfaden durch Squatter und Slum und die Eisenbahngleise. Als wir ankamen sind erst wenige Kinder da. Die Schule endet gerade erst und so können wir noch ein wenig reden. Wie viele Kinder dort, ist Adil hungrig nach Bildung, begierig nach Schule. Er spricht – insbesondere für eine Gouverment school – ein wirklich gutes Englisch (da kann ich meines verstecken). Ich erfahre, dass der Vater noch nie hier war. Hier verbringen seine Töchter die Nachmittage und Adil „wohnt“ hier. Schwer nachvollziehbar und auch nicht richtig herauszubekommen, warum. Geht ein Mann, ein Vater hier nicht her? Weil die teacher (Erzieher) alles Frauen sind? Weil die Libary für Mädchen ist? Weil … ? Ich weiß es nicht und will auch nicht nachbohren. Mangelndes Interesse ist es sicherlich nicht, dafür kenne ich ihn zu gut. Auch ist er sehr aufgeschlossen. Keine Ahnung und es bleibt für mich (wie vieles in diesem Land) merkwürdig und muss auch einfach mal so hingenommen werden.

Nach und nach trudeln alle ein, der Raum ist voll. Essen, Hausaufgaben, Spiele und dann wird wieder Laptop und Beamer ausgepackt und die Kids sind schon recht routiniert beim Zusammenbau und dem Umfunktionieren der Landkarten zur Leinwand. Nicht bedacht von mir und damit immer wieder eine kleine Herausforderung: Lage der Steckdosen und fehlende Verlängerungsschnüre! Den Tauchsieder hätte ich mir sparen können und dafür lieber ein Verlängerungskabel einpacken sollen 😉 Man lernt immer noch dazu. Aber egal, minimale Probleme tuen der Sache keinen Abbruch und stolz präsentieren und berichten die Teilnehmer des Wochenendausfluges den anderen über Sundarban und erzeugen Stauen und große Augen. Neid sehe ich nicht. Obwohl 12 von 600 in Sundarban mit waren. Alle sind sich einig: Das muss wiederholt werden. Schön wäre es.

Die Zeit vergeht wieder mal wie im Flug und es ist Zeit für Hotel, Dusche und umziehen. Ich bin inzwischen auch umgezogen. Vom „Insha“ ins „Park inn“ … da war ich vor Jahren schon mal, ist nur wenig teurer, aber ruhiger (dachte ich!), näher am Slum und hat WLAN. Das möchte ich nutzen, denn es wird eine der wenigen Möglichkeiten auf meiner Reise sein. Also zurück, Eimerdusche und „in Schale geworfen“ und ab zu Shafkat. Ich rufe noch an, dass ich etwas später komme. Wieder mal nicht an Indien gedacht 😉 Als ich 19:20 Uhr da bin, bin ich der erste Gast und Shafkat schläft noch 😉 … Ich nutze die Gelegenheit, mal wieder mit seinem Vater ins Gespräch zu kommen. Alamgir hat die Organisation Tiljala Shed gegründet und ist noch persönlich mit Mutter Theresa durch die Slums gezogen. Also immer interessante Gespräche. Wenn mein Englisch noch besser wäre, könnte ich davon noch stärker profitieren. Nach und nach trudeln auch Jane und die beiden Volontäre aus Italien und Australien ein. Sie arbeiten – wenn ich es richtig verstanden habe – für ein halbes Jahr im Office mit. Das Essen wird aufgetafelt und endet mit bengal sweets. Klar! Allerdings wird – für uns mal wieder ungewöhnlich – nur für uns serviert. Die Familie isst später. Dann wird noch ein kleiner Blick auf den schlafenden 2jährigen geworfen, ich nehme an der „Wach-mach-und-Präsentations-Zeremonie“ nicht mehr teil, habe gesehen, dass Alamgir todmüde ist und ziehe mich dankbar für das herrliche Dinner zurück. Ich bin in meiner „alten Gegend“ (die anderen Jahre hatte ich eine Wohnung in diesem Haus im Erdgeschoß), hier saß ich immer früh an der offenen Wasserleitung, trank meinen Kaffee und rauchte meine Zigarette. War im Gespräch mit den Bewohnern des angrenzenden Slums, die zum Wasserholen kamen, den Kindern, die zur Schule gingen, den Verkäufern, die ihre Marktstände aufbauten. Das fehlt mir. Dieses mittendrin. Nach dem Aufstehen. Und das Nachdenken. So warf mich jeden Morgen das grauenhafte Geräusch einer Pumpe aus dem Bett bzw. riss mich nach oft kurzer Nacht aus dem Schlaf und trieb mich dann nach draußen. Etwas mürrisch. Bis ich einmal dort saß, das Geräusch verstummt – und damit das Wasser aus der Leitung versiegt! – war und ein Mann mit seiner leeren Flasche davor stand. Dieses mich nervende Geräusch bedeutet für andere Wasser! Leben! „Komfort“. Ich brauchte nur aufstehen, hineingehen, den Wasserhahn aufdrehen und konnte seine Flasche füllen. Aber jeden Morgen und jeden Abend stehen an dieser Leitung Menschen mit Eimern und Flaschen Schlange. Kinder, Greise. Schleppen das für den Tag benötigte Wasser in die Hütten. Wieviel Eimer Wasser benötige ich für den Tag? Ich weiß es nicht. Ich wüsste nicht, wieviel ich holen muss. Zum Kochen, Waschen, Toilette. Hier musst du es wissen. Und holen. … Und eine weitere Erinnerung, die mir immer etwas merkwürdig vorkam. Wenn ich morgens mit meinem Kaffee und im Gespräch vertieft dort saß, kamen oft Gruppen von Europäern vorbei. Mund und Nase teilweise verhüllt zogen sie die Straße entlang. Viele ohne einen Blick nach rechts oder links zu riskieren. Sie wurden angelächelt, freundlich gegrüßt. Nicht etwa belästigt, angebettelt oder gar berührt. Und trotzdem gab es von vielen keine Erwiderung, keinen Gruß, kein Lächeln. Wohin gehen sie? Wer sind diese Gruppen? Ich fragte Shafkat einmal und er meinte, sie gehen zu „mothers house“. Und mein Gedanke: „auf dem Weg zu „mothers house“ aber nicht auf „mothers way“ … Slum, squatter ist eine Herausforderung. Für alle Sinne. Und ich kann verstehen, wenn man sich unwohl fühlt. Vielleicht angeekelt ist.高仿巴黎世家
Angst vor Erkrankungen, Ratten usw. hat. Was ich nicht verstehen kann: Warum nehme ich diesen Weg? Es gibt andere, bequemere Wege zu „mothers house“, es gibt Taxis. Warum gehe ich da lang, wenn ich nicht für eine Begegnung – und ich meine keine Umarmungen! – bereit bin? Was macht es mit den Menschen, die dort leben, mit dem Selbstwertgefühl, wenn man ignoriert wird, ein Gruß nicht erwidert wird? Vielleicht spenden diese Gruppen viel Geld und das ist wichtig und gut. Aber manchmal ist vielleicht das Spenden eines Lächelns wichtiger. Vielleicht.

Jedenfalls bin ich wieder hier. Nach dem Dinner. Und wen treffe ich? Meinen kleinen Freund Bikm und seinen Bruder. Wir haben jeden Morgen rumgealbert und tun dies natürlich auch heute Abend. Noch ein kleiner Glücksmoment vor dem Schlafen gehen. Dann ins Hotel und noch ein wenig das WLAN genutzt und ins Bett. Wieder mal ein ereignisreicher Tag, der zu Ende geht.

rumalbern mit Bikm … er ist der Stärkere 😉

Fastenaktion im open shelter

Donnerstag, 02. März 2017

Gestern war es spät und so schlief ich heute mal etwas länger. Das war auch gut so, denn es wird noch ein terminreicher Tag. Und es ist erst einmal der letzte Tag für mich in Kolkata. Zuerst geht es ins Tiljala Shed Office, um die ein oder andere Absprache für die nächsten Tage zu treffen. Außerdem fand ich in der heutigen Tageszeitung ein Angebot, was ich unbedingt bekommen möchte. Ein USB-Stick im Scheckkartenformat mit Tagore Design und 150 Songs von Rabindranath Tagore. Ein schönes und praktisches Andenken. Tagore, Nobelpreisträger, Dichter, Musiker und auch Verfasser der indischen Nationalhymne. Leider nur über Amazon.in verfügbar. Rubina will versuchen, ihn zu bekommen, bevor ich endgültig weiter reise. Anschließend geht’s wieder in den open shelter und ich wiederhole die Fastenaktion vom Vortag in Aasra Sadan. Und wieder macht es großen Spaß, mit diesen interessierten, förmlich alles aufsaugenden Kindern zu arbeiten.

„Ich bin, weil Du bist“ – Wie fühlt es sich an, Tarvez?

Hafizul
Wir spannen ein Netz, …
… das trägt

Es ist immer wieder ein tolles Miteinander. Wie gute Freunde. Inzwischen rutscht den Kindern auch nicht mehr (so oft) das „Sir“ raus und Hafizul zieht sich – wenn es doch passiert – schnell selbst an beiden Ohren 😉 Und natürlich bekomme ich als Zeichen der Gemeinschaft ein T-Shirt von den Jungs.

Ein bisschen war heute jedoch alles etwas durchgehetzt, es fehlte die Zeit. Es war nicht so einfach, mein Programm in das tgl. Programm des Shelters (Hausaufgaben, Mädchengruppe, Essen, Gebetszeiten usw.) einzubinden. Und trotzdem: ein intensives miteinander arbeiten.

Und der nächste Termin steht ja schon an. Ich habe noch 2 Familien zu besuchen. Beide wohnen im Squatter an den Gleisen. Die Familie von Atikul und Rozy. Rozy ist das „Patenkind“ einer Facebook-Freundin und ich habe in ihrem Auftrag ein Geschenk zu übergeben.

Dann geht es noch kurz zu Atikul.

das Haus im squatter
Atikul´s Familie … im Hintergrund die vielen Sportpokale, die Atikul gewann

Danach wartete schon Rubina auf mich, um mit mir in ein Stoffhaus zu fahren, denn wieder einmal nutze ich die Gelegenheit, mir einen Anzug schneidern zu lassen. In diesem Fall von ihrem Mann. Aber erst einmal die Qual der Wahl des Aussuchens des Stoffes. Aber ich habe ja klare Vorgaben meiner Tochter und so konnte ich die Auswahl recht schnell einschränken und verhindern, dass ich wieder aus 50 verschiedenen Stoffen aussuchen muss. Und – aus Erfahrung etwas klüger geworden – hat mir Michelle auch Bilder eines zu mir passenden Schnittes mitgegeben. So stellte sich auch dahingehend kein Problem dar. Das war letztes Jahr wesentlich aufwendiger. Wenn ich nächste Woche aus Rajasthan zurück bin, wird mein Anzug fertig und ich damit für einen möglichen Jobwechsel im kommenden Jahr vorbereitet sein 😉

Und anschließend bin ich noch mit Shafkat verabredet. Wir wollen Rinki Khatoon besuchen. Eine junge Dame, welche in ihrer Freizeit Karten und kleine Handwerksarbeiten herstellt, um ihren knappen Lohn etwas aufzubessern. Im Rahmen eines Social Entrepreneurships wollen wir überlegen, ob dies zum Beispiel auch in Deutschland zu verkaufen und ein höherer Erlös zu erzielen wäre … Letztendlich hetze ich mich zwar ab, aber es wird für sie zu spät und so bringt mir Shafkat ein paar Arbeitsproben vorbei. Ich bin gespannt, was daraus wird. Kann ich dahingehend in Deutschland etwas erreichen? Die Zeit wird es zeigen.

Mein Abend endet mit packen, denn morgen früh verlasse ich Kolkata erst einmal und begebe mich mit Zwischenstation in Delhi nach Rajasthan, um Kamlesh – mein jüngstes Patenkind – zu besuchen. Ich komme noch einmal wieder und trotzdem fällt der Abschied schwer. Ich nehme nur das nötigste mit und lasse meinen Rucksack bei Shafkat. Mal ein entspanntes Reisen ohne viel Gepäck. Das wird sich ja im Laufe der Wochen noch ändern.

Rozy

Donnerstag, 02. März 2017

      

Rozy – seit letztem Jahr Patenkind von Ulrike. Ich besuche ihre Familie, welche im Squatter an den Gleisen in Park Circus wohnt. Die Züge fahren im Minutentakt und in einem Abstand von vielleicht einem Meter an den Wohnungen der Menschen vorbei. Die Gefahr ist allgegenwärtig. Für mich kaum vorstellbar, Kinder dort aufzuziehen und zu schützen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit genügt … Das Leben spielt sich auf und an den Gleisen ab. Wasser gibt es nicht vor Ort. Ich werde freundlich begrüßt, hereingebeten, zum Chai eingeladen. Rozy zeigt stolz ihre Schuluniform, ihre Zeichnungen. Ihre Schwester sitzt auf dem Bett. Vor 6 Monaten ist sie aus selbigen gestürzt (dem einzigen) und hat sich das Bein gebrochen. Immer noch geschient. Zwischen 2 Zügen entsteht ein Familienfoto. Hafizul und Atikul sind emsig darauf bedacht, mich vor Unvorsichtigkeiten zu beschützen. Aufwachsen in ständig notwendiger Achtsamkeit, in ständiger Gefahr. Schwer zu beschreiben, was in mir vorgeht, welche Gedanken mich beschäftigen. Ich wüsste nicht, wie ich mit dieser ständigen Gefahr umgehen würde. Ich erinnere mich, dass ich vor 2 Jahren dort auf den Gleisen unterwegs und so mit meinen Eindrücken beschäftigt war, dass mich Hafizul gerade noch rechtzeitig von den Gleisen ziehen konnte …