Indien 2017

Samstag, 25. März 2017

Wieder zurück. Seit gestern. Aus Indien. Körperlich. In Gedanken noch nicht wirklich. Die Eindrücke wirken nach. Wieder einmal Indien. Wie die letzten Jahre. Nein, nicht, um das Taj Mahal anzusehen oder in einem Ashram zu mir selbst zu finden. Beides sicherlich auch schön, interessant und wichtig. Und das Taj Mahal habe ich auch schon gesehen … bei einem früheren Besuch. Und im Gandhiji-Ashram war ich auch schon. Indien 2017 führte mich an alte und neue Orte. Nun bin ich wieder hier und denke nach, was mir so begegnet ist. Was zieht mich nach Indien. Allein. Immer wieder. Ein Freund meinte, schreib es auf, lass teilhaben. Damit habe ich keine Erfahrungen, aber man muss sich ja auch mal auf was Neues einlassen. So versuche ich also, die letzten 4 Wochen noch einmal Revue passieren zu lassen. Wird sicherlich nicht einfach. Der Eindrücke sind viele. Vieles ist so anders, vieles so gewohnt. Zumal für mich vieles tatsächlich schon Gewohnheit ist, denn es ist mein 7. Oder 8. Besuch. Interessant, ich weiß es gar nicht genau. Muss mal den alten Pass nach Visa durchblättern.

So soll hier also nach und nach ein Reisebericht entstehen. Nicht über die die vielen Sehenswürdigkeiten, welche Indien zu bieten hat. Keine Erfahrungsberichte über gute und nicht so gute Hotels. Keine Reiseempfehlungen. Vielmehr Begegnungen. In den slums und squatters, in den abgelegenen Dörfern und Gegenden. Mit Menschen, die ihr alltägliches Leben meistern. So anders, als wir. Und darüber, was das mit mir, mit uns zu tun hat. Was es mit mir macht. Für den ein oder anderen vielleicht „das andere Indien“ …. Für mich INDIEN. Freunde besuchen. Willkommen sein. Mit den Kindern an der MISEREOR Fastenaktion „Ich bin, weil Du bist“ und „Die Welt ist voller Ideen – lass sie wachsen“ arbeiten und meine Bachelorarbeit vorbereiten. Also wieder einmal gute Gründe.

Die Stationen der Reise: Kolkata (Tiljala Shed) Sundarban (Tiger awareness) – Delhi (mal ganz touristisch)  Pratapgarh/ Rajasthan (WorldVision Patenprojekt) – Kolkata – Jahania/ Odisha (Beach cleaning projekt, Save the Sea turtles) – Melghat/ Maharashtra (WorldVision Patenprojekt) – Karjat, Mumbai

„I am because YOU are“

Ankunft

Donnerstag, 23. Februar 2017

04:30 Uhr … Ich mache mich auf, es ist nicht sehr kalt, alle Verkehrsmittel sind übersichtlich gefüllt und so geht es relativ entspannt nach Tegel.

Interessant ist sicherlich wieder mal mein Gepäck. Die 23kg check-in-Gepäck und die 8 kg Handgepäck sind ausgeschöpft und trotzdem bleiben einerseits Unsicherheiten (wie immer) und der private Inhalt hält sich sehr in Grenzen 😉 … dürfte so bei 2 kg liegen. Alles andere sind Mitbringsel für die einzelnen Projekte bzw. Materialien für die durchzuführende MISEREOR-Fastenaktion. Die größten Bauchschmerzen bereiten die beiden zusätzlichen Laptops von Matthias für Tiljala Shed … also damit 3. So habe ich also neben dem Handgepäck 2 Laptoptaschen und die Kameratasche. Schwere Gegenstände, wie Wörterbuch u.ä. fein säuberlich in der Jacke verstaut 😉 und ein Briefchen von Matthias und Shafkat dabei, damit die Behörden Gnade walten lassen.

Aber ich habe Glück. Die Maschine nach Zürich ist ebenso leer, wie die von dort nach Mumbai. So komme ich gut rein und während des langen Flugs habe ich sogar 2 Plätze und döse tatsächlich etwas weg. 22:00 Uhr (19:30 Uhr deutscher Zeit) bin ich dann in Mumbai und muss komplett aus- und wieder einchecken, da nach Kolkata ein domestic fly ist. Aber ich habe ja 4 h Zeit und dieser komplette Check-out bedeutet auch, dass ich den Flughafen verlassen und mir ein wenig die Beine vertreten kann. So vergeht die Zeit relativ zügig und entspannt. 02:50 Uhr geht es dann mit etwas Verspätung in einer recht gut ausgelasteten Maschine – aber wiederum ohne Problem – weiter nach Kolkata. Um 05:00 (0:30 Uhr deutscher Zeit) bin ich dann endlich auch am Zielort und das Auschecken geht relativ schnell, da die Zollkontrolle und Immigration schon in Mumbai stattfand.

Freitag, 24. Februar 2017

05:10 Uhr. Kolkata International Airport. Ich bin wieder hier. In meinem Revier? War nie wirklich weg, hab mich nur versteckt… Ich habe Zeit, denn ich habe den Fahrer – ein Freund von Ranadip – erst zu 6:00 Uhr bestellt, da ich ein längeres auschecken erwartete. Es sind vielleicht 25°C und ich genieße das Zurücksein. Und einen Chai. 06.30 Uhr werde ich dann abgeholt und es geht ins Hotel „Insha“ Park Circus. Ranadip will mich um 12:00 Uhr abholen, damit ich eine Prepaidkarte und Klamotten kaufen kann. Das Hotel ist ok und ich mache ein paar Häufchen der einzelnen Projekte … mein privates ist recht übersichtlich ;-). Aber der Tauchsieder wird gestartet und ein Kaffee ist erst einmal dran. Leider kein WLAN. Es ist inzwischen 8.00 Uhr und ich latsche mal in meine „alte Gegend“ um zu sehen, wen ich so treffe, wie lange ich brauche, Geld beschaffen, frühstücken. Ich finde mich gut zurecht, habe meinen Stadtplan und schicke Shafkat mal ne SMS „Ich stehe vor deinem Haus“ ;-). Alamgir begegnet mir, zeigt mir „meine Wohnung“ under construction (daraus sollen wohl „Übungswohnungen“ für Mädchen werden), Shafkat kommt runter und begrüßt mich herzlich und überrascht. Ein paar Leute aus der Umgebung erkennen mich wieder und begrüßen mich ebenso herzlich. Ich bin wieder hier …

Dann das 1. Problem: ATM. Ich hole Geld und bekomme doch tatsächlich nur 2000-Rp-Scheine. (das ist wohl ein aktuelles Problem, seit dem der Primeminister im Novemeber alle 500 und 1000 Rp Scheine über Nacht ungültig machte) und mein mitgebrachtes Geld ist ja ungültig geworden … Wasser, Chapati und Banane macht zusammen ungefähr 60 Rp … das kann keiner – und schon gar nicht am frühen Morgen – wechseln. Wie unterschiedlich Probleme sein können. Ich laufe ca. 40 min von Shop zu Shop, dann ist es endlich gewechselt und ich kann frühstücken. Zurück im Hotel (auf dem Weg habe ich mich mal schnell orientiert, wo das Tiljala Shed Office ist) relativiert sich Ranadips 12:00 Uhr. Natürlich. Du bist in Indien, Andreas! Also mache ich mich auf in die Quest Mall – ein Shoppingcenter, in welchem es allerdings auch einen „Allerweltsladen“ gibt – und kaufe mir Überlebensgegenstände (Duschbad, Zahnpasta, Zahnbürste usw.) sowie Butter, Nutella, Milch und Kakao für meine Aktion im open shelter. Ach so, und Ketchup. Kinder wollen Ketchup. Ranadip kommt dann um 15:00 Uhr, wir kaufen eine Prepaidkarte und vertagen den Klamottenkauf auf morgen, da es mir zu spät wird und die Kinder warten. Ich soll es noch bereuen 😉

Inzwischen teilt mir Shafkat mit, dass wir uns mit Jane im Tollygunge-Club auf ein Bier treffen werden und 2 Volontäre aus Australien sind auch dabei.

Ich dagegen habe alles zusammen, was ich für die 1. Begegnung mit den Kindern benötige und mache mich auf. Ranadip ist interessiert (zumal er ja Sonntag einige der Kinder fahren wird) und so gehen wir gemeinsam. Wir fahren bis an den Rand des Slums und ich zeige ihm den Weg ;-). Keine 50 m, ein Junge erkennt mich, begrüßt mich kurz und rennt dann los, um mich anzukündigen. Im open shelter das Übliche: herzliche Begrüßung, Umarmungen bzw. ran hängen. Große Freude. Einige erkenne ich wieder, kenne den Namen. Sie kennen mich fast alle. Ich muss an meinem Erinnerungsvermögen arbeiten.

Dann die geplante Aktion. Die Kinder fragten mich immer, was ich in Deutschland zum Frühstück und zu Abend esse.

Ich habe beschlossen, nicht mehr zu erklären, sondern mit allen Sinnen erfassen zu lassen und packe aus: die gekauften Dinge aus der Quest Mall und aus meinem Rucksack Pommersches Landbrot, Käseaufschnitt, Geflügel-Salami (Messer habe ich mal sicherheitshalber in der Quest Mall auch gekauft. War auch gut so!). Kurze praktische Einführung in die Herstellung eines deutschen Abendbrotes (oder Frühstücks), der möglichen Kombinationen, meine Tradition und dann ziehe ich mich aus der Mitte zurück. Es wird los geschnitten, geschmiert, belegt und probiert. Kommt total gut an. Auch die teacher (eigentlich Betreuer, Erzieher) müssen probieren. Einige Kinder kombinieren sicherheitshalber alles: Brot, Butter, Salami, Käse und Nutella … (macht einer auch noch Ketchup drauf?). Eine gelungene Begrüßungsaktion. Leider nicht in Aasra Sadan möglich. Hätte den Kids dort sicherlich auch Spaß gemacht, aber ohne Kühlung wäre ein weiteres Aufheben unverantwortlich. Und schwupp, ist die Zeit schon rum. Enter the shelter is easy, leave the shelter very difficult …. Und so benötige ich wieder einige Zeit, um rauszukommen. Ranadip ist von den Kids ebenfalls sehr angetan und macht x selfies. Dann auf ins Hotel, ich mach mich ein wenig frisch und wechsle innerhalb der vorhandenen 3 Shirts ;-).

Dann sammeln wir Shafkat ein und Ranadip fährt uns zu Jane. Zum Tollygunge-Club. (http://www.tollygungeclub.org ) Unterwegs berichtet mir Shafkat zunehmend begeistert von Jane (sie zeigt sich für das fundraising für Tiljala Shed verantwortlich), dass sie immer im TollyClub „absteigt“ und mir wird einerseits zunehmend deutlich, dass sie und der Club zu den „oberen Zehntausend“ gehören. Und so fühle ich mich zunehmend unwohler und mit Shafkats steigender Begeisterung sinkt die meine. Ich frage sicherheitshalber noch nach meiner – mir doch sehr unangemessen erscheinende – Kleidung. Shafkat meint: „Kein Problem, du bist weiß“. Na toll! Das Bier dort werde ich gar nicht bezahlen können, da muss ich ja erst nochmal zum ATM. Aber dazu soll es dann doch nicht kommen. Ranadip parkt den Wagen ein, ich will auf ihn warten, soll aber gleich mit Shafkat mit … Ranadip wird schon kommen. Jane begrüßt mich herzlich im „Biergarten“, stellt mir Andras und??? vor und ja, natürlich möchte ich ein Bier! Das Bier kommt noch nicht (ist ja erst eine Minute rum), aber ein Kellner: „Sorry Sir, in dieser Kleidung dürfen Sie hier nicht sein“. Jane will noch eine Diskussion anfangen und bietet mir noch an, etwas zu besorgen. Nein danke, Diskussionen will ich nicht und verabschiede mich prompt, erwarte außerhalb des Gartens Ranadip und teile ihm mit, dass ich bzw. wir gehen müssen. Peinlich? Nur ein wenig. Ich mag solche Plätze sowieso nicht, hätte mich wohl nicht wohlgefühlt, spare eine Menge Geld. Nur schade um die Zeit (40 min hin, 40 min zurück) und ich denke, auch für Ranadip eine blöde Situation. Egal. Wir machen das Beste daraus. Was in diesem Falle heißt: Darüber lachen, sich freuen, wie willkommen ich im open shelter war, im Wine-Shop ein Bier für mein Zimmer und eine Flasche Whisky für uns beide kaufen, welche wir dann im Auto (nicht aus-) trinken. Ganz kalt lässt es mich natürlich nicht. Habe lange nicht mehr erlebt, nicht willkommen zu sein. Wie oft geht es den Menschen so, welchen ich hier tagtäglich begegne??? Wie anders ist doch für mich im Slum. Ich bin immer willkommen ;-). Ich schreibe Shafkat noch eine Nachricht für Jane, dass wir unser verabredetes Bier vielleicht an einem anderen Tag und einem anderen Platz trinken. Zurück ins Hotel, duschen und ab ins Bett. 27°C im Zimmer. Fan (Ventilator) und AC (Klimaanlage) mag ich nicht, also aushalten.

Kolkata – open shelter

Samstag, 25. Februar 2017

Ich wache relativ früh auf, schaue im Office vorbei und verabrede mich dann mit Ranadip eigentlich zum DMart (den kenne ich von Mumbai und Karjat). Nun gut, er hat andere Läden im Sinn, diese passen letztendlich auch. Aber schon wieder hat der Europäer ein lächerliches Problem. Mein Reisetauchsieder, welcher vor einer Stunde noch funktionierte, hat den Geist aufgegeben. Bitte, was kann an einem Tauchsieder kaputt gehen??? Neu gekauft vor der Abreise für 15 €! Bekomme ich so ein Ding hier und vor allem umgehend? Aber lt. Shafkat und Ranadip kein Problem und siehe: für 150 Rp (2,20 €) habe ich einen neuen. Wieder was, was ich mir in meinem Gepäck sparen kann. 200g mehr für andere Dinge 😉

Nun habe ich auch eine lange Hose und ein Hemd und wäre – wenn ich denn wollte – TollyClub-fähig ;-). Aber da will ich nicht wirklich hin. Wäre sicher interessant, aber so wie ich mich kenne, würde ich mich auch weiterhin deplatziert fühlen. Also geht’s dahin, wo ich weiß, dass ich willkommen bin. Zum open shelter. Die heutige Idee: Ich habe Laptop und Beamer dabei und mal keine ausgedruckten Fotos des Vorjahres. Sollen die Kinder selbst wählen! Auch eine (wenn auch minimale) Form der Beteiligung. 50 aus 1495. Eine Leinwand wird aus der Rückseite meiner mitgebrachten Landkarten gebastelt und alles aufgebaut. Die Kinder helfen vorsichtig und interessiert mit und das anschauen der Bilder ist ein Spaß.

Adil bekommt die Aufgabe, die Bildnummern zu notieren. Interessanterweise gibt es gar keine Diskussionen! Zum Schluss hatten alle ihren Spaß und ich eine Liste mit exakt 50 Bildnummern, welche ich im Hotel zusammensuche und auf den Stick kopiere. Ich will auch früh ins Bett, denn morgen heißt es um 5:15 Uhr aufstehen. Ranadip holt mich 5:45 Uhr ab und um 6:00 Uhr sollen die ersten Kinder eingeladen werden. Welche Gedanken mich umtreiben, was mich neben der Hochzeitsgesellschaft gegenüber noch vom Schlafen abhält: keine Ahnung! Letztendlich komme ich wieder einmal an den Punkt, wo ich Panik bekomme, zu verschlafen und habe dann irgendwann doch 1 1/2h mehr oder weniger schlafend verbracht.

Squatter, Slum? Warum Kolkata und dort Park Circus, Topsia? MISEREOR? Fastenaktion?

Ich will versuchen, ein paar Hintergründe zu meiner Reise zu klären.

Indien ist interessant, vielseitig, abwechslungsreich und hat viel interessantes zu bieten. Das ein oder andere habe ich mir im Laufe der Jahre angesehen. Mumbai und die Elephanta caves, Rajasthan (dort ist es in etwa so, wie wir Europäer uns Indien im Allgemeinen vorstellen), das Taj Mahal, Kerala und seine Backwaters (ein riesiger Spreewald) und vieles mehr. Nach Indien treibt mich jedoch anderes. So begann ich vor 15 Jahren eine WorldVision Kinderpatenschaft (dazu später mehr) und entschied mich 2009 dieses erstmalig zu besuchen. Ich wusste damals noch nicht, dass daraus eine Regelmäßigkeit werden sollte.

Was hat das nun mit MISEREOR und Kolkata zu tun? Bis 2013 arbeitete ich in einem Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim der Caritas. In der Fastenzeit sah ich es immer als eine meiner Aufgaben an, mit den betreuten Kindern und Jugendlichen an den jährlichen Fastenaktionen teilzunehmen. Um einerseits mit ihnen „über den Tellerrand“ zu schauen und anderseits auch anderen zu zeigen, dass diese Kinder „nicht nur nehmen“, sondern auch Verantwortung wahrnehmen, etwas zurückgeben. Wir haben uns in dieser Zeit mit den Problemen anderer beschäftigt, mit allen Sinnen versucht uns diesen zu nähern. Der Höhepunkt war dann immer ein gemeinsamer Abend mit Gästen aus der Gemeinde und einem Gast aus dem jeweiligen Projektgebiet mit landestypischen Essen und verschiedenen Aktionen zur Unterstützung des Projekts. Und so war auch Shafkat Alam aus Kolkata bei uns und bei meinem nächsten Besuch in Indien war für mich klar, dass ich das Projekt besuchen, unseren Kindern Bilder von dort mitbringen und den dortigen ihre Grüße übermitteln muss. Seit dem lässt mich (u.a.) Kolkata nicht mehr los.

Die Organisation Tiljala Shed arbeitet dort u.a. in den Squatters und Slums der Region Park Circus (an den Eisenbahngleisen) und Topsia (die canal squatters) mit der dortigen überwiegend muslimischen Bevölkerung. Slum? Squatter? Pavement Settlements? Schon mal gehört? Wie stellt es sich dar? Slums sind legale Wohnviertel, sozusagen mit einer Adresse, zum Teil „feste“ Bauten. Es gibt (offene) Abwasserkanäle, Wasser (nicht in den Unterkünften, aber 2x am Tag an bestimmten Stellen aus einer freiliegenden Leitung. Sie sind legal. Squatter: illegal (keinerlei Bleiberecht, meist auf Bahngelände und können damit jederzeit einfach zusammengeschoben werden), keine Abwasserkanäle, kein Wasser, meist sehr instabile Bauten. Pavement Settlements sind die Zeltplanen am Straßengeländern, Bäumen etc. Die Familien leben meist als sogenannte Ragpicker (Müllsammler), zerschlagen Batterien um an die wertvollen Inhaltsstoffe zu kommen, schneiden Teile für Sandalen zurecht.

(U.a.) MISEREOR engagiert sich in dieser Region. Wenn ich vor Ort bin (meist in der Fastenzeit), ist es mir ein Anliegen, die Thematik der jeweiligen Fastenaktion auch dorthin zu bringen, mit den Kindern und Jugendlichen daran zu arbeiten. Sie spüren zu lassen, dass man an sie denkt, auch wenn sie nicht aktuelles Projekt sind. Und mit ihnen ebenfalls „über den Tellerrand“ schauen. So engagierten sie sich im letzten Jahr für Brasilien, unterzeichneten gegen das dortige Staudammprojekt, durch welches viele der dortigen Ureinwohner in ihrer bloßen Existenz bedroht waren. Und wir arbeiten gemeinsam am Thema „Menschen- und Kinderrechte“ und es entstanden „Flaggen der Gerechtigkeit“. So schlugen wir eine MISEREOR-Brücke von Kolkata über Deutschland nach Brasilien. Kinder, welche vom MISEREOR-Engagement profitieren, engagieren sich für andere Bedürftige.

Mehr zu Tiljala Shed: https://www.facebook.com/tiljalashed/ und http://tished.org/

Sundarban

Sonntag, 26. Februar 2017

Der Wecker holt mich aus dem viel zu kurzen Schlaf. Gepackt habe ich schon, Kaffee (Frühstück gibt es um diese Zeit noch nicht), auschecken. Natürlich kommt Ranadip nicht um 5:45 Uhr und dann fehlt noch der 2. Fahrer. 6:15 Uhr fahren wir dann endlich zum Park Circus, finden dann auch die Kinder und Chanchal. Und so verteilen wir erstmal Adil, Hafizul, Zearul, Atikul, Tarvez, Sahil und Kabir im Van. Und auf geht’s nach Aasra Sadan. Ich hatte inzwischen durchgesetzt, dass die Kinder nicht die 2 km zur Hauptstraße laufen, sondern dass einfach 20 min Zeit für Toilette, Chai und Hallo sein muss. Und so geht es unter großem Jubel los. Inzwischen hat sich auch der 2. Fahrer angefunden, so dass dort erst einmal das Gepäck verstaut werden kann. Im Wechsel läuft „deutsche“ und Hindi-Musik vom Handy und nach einer Stunde sind wir in Aasra Sadan. Ranadip ist vom letzten Teil der Straße wenig begeistert, zumal vom 2. Auto sich so einiges an Stoßstange löst (was jedoch nicht ursächlich an der Straße, sondern an einem vorausgegangenen Unfall liegt). Und auch hier natürlich ein herzliches Willkommen und wir schaffen es tatsächlich, uns nicht allzu lange aufzuhalten. Beim neuen Verteilen der Kinder fällt mir auf, dass ich 600 Rp Wechselgeld verloren haben muss. Spontan vermutete ich im Auto, denn da fielen mir auch Feuerzeug und Zigaretten aus der Hosentasche. Aber nichts zu finden. Merkwürdig. Beim Rauchen? Und mir fallen 3 wegfliegende Scheine nicht auf? Shit, aber nicht zu ändern. Wozu gibt es Portemonnaies? Aus Erfahrung wird vielleicht auch mal Andreas klug!

Begrüßung in Aasra Sadan

Los geht’s. Die Kinder sind verteilt. Stimmung auf dem Höhepunkt. Auf nach Sundarban. Phil und Indrajit warten.

Weit kommen wir nicht. Nach 1 Stunde ist den ersten drei Kindern kotzübel. Pause. Sie sind es weder gewohnt, lange zu fahren, noch hinten im Van seitlich sitzend. Dazu kommen Straßenverhältnisse und Fahrweise. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholt sich alles. Ich staple also die Kinder innerhalb der beiden Autos sinnvoller um und siehe da: Wir können längere Strecken zurücklegen. Ich bekomme mit, dass die Kinder noch gar nicht gefrühstückt haben und bestehe darauf. Kein Wunder, dass ihnen übel wird. Auf dem Markt kaufe ich erst einmal Bananen und Kekse. Dann wird in einem Restaurant gehalten. 14x Frühstück = 600 Rp! (Meine verlorenen 😉 )

Frühstück

Der 2. Teil der Fahrt war dann wesentlich entspannter und wir kamen am Ort des „Wildlife day celebration 2017“ an und fast zeitgleich die Demo mit Phil an der Spitze. Die Kids sind begeistert und wir stellen uns vor. Phil und Indrajit sind mir auf der Stelle sympathisch. Ich muss mit nach vorn auf die Bühne, was die Kinder mehr begeistert, als mich. Dann gehen die Reden los und die Kinder (von dort und „meine“) hören geduldig zu. Warum müssen Ansprachen von Lehrern, Direktoren und Politikern immer so elend lange dauern (vor allem, wenn diese im Schatten sitzen!!!). Indra, Phil und ich fassen uns kurz.

Ansprache zum Wilflife Day … neben mir Phil Davis von „Tiger awareness“, UK

Ich sowieso! Mit meinem Englisch! OMG. Es gibt dann noch einen interessanten Naturfilm über Schlangen, Lunch und Zeit zum Spielen. Interessant: „Meine“ Kids spielen Fußball, die Sunderbaner stehen drum rum und werden nicht zugelassen. Man bleibt unter sich. Phil und ich waren uns schnell einig und beendeten dies durch seine Einmischung. Ein gutes Lernfeld für Begegnungen, sich öffnen. Anschließend werden noch gemalte Bilder prämiert und ich war schon ein wenig traurig, denn unter „meinen“ sind gute Zeichner dabei, aber sie haben ja am Wettbewerb nicht teilgenommen. Dann gibt’s aber noch Naturrätsel und „meine boys“ sind ganz stolz, dass sie auch den einen oder anderen Preis (deutsche Kugelschreiber!) gewannen. Die Zeit vergeht und ich suche unsere Fahrer. Der zweite ist im Auto nicht wachzubekommen und schläft seinen Rausch aus. Unfassbar. Indrajit ist echt sauer, was sich auf die weitere Gestaltung des Abends (für die beiden) auswirkt. Eigentlich sind es gute Freunde. Da wird dann selbst mir mulmig, mir, der vieles in Indien gewohnt ist. Hier sind jedoch Grenzen überschritten. Ich fasse es echt nicht.

Nun ja, irgendwie kommen wir dann doch im Camp an. Wow. Die Münder gehen gar nicht mehr zu und die Kids (einschl. der beiden Teacher) nehmen alles in Beschlag. So ein Fußballplatz! Ein Fluss! Sauber! Das Schulgebäude, wo wir schlafen werden! Der Garten! Und überhaupt und alles. Die Boys strahlen. Und ich auch. Gibt es was schöneres, als glückliche Kinder? Der Abend plämpert dahin hin mit Fußball … einschließlich Ball im Wasser- der muss ja raus geholt werden, woraus dann ein gemeinsames Dunkelschwimmen wird …

Badminton und einem tollen Dinner. Anschließend geht’s langsam in die Kojen. Bzw. auf die Matten – nicht bevor ich die Kids mit Anti-Moskito-Zeugs eingesprüht habe … die nerven sehr. Die Moskitos! Es ist 23:30 Uhr und es tritt langsam, gaaaaanz laaaangsam Ruhe ein. Ein toller und ereignisreicher Tag nähert sich dem Ende. Ach so, Indra verkündete noch, dass es morgen doch noch eine kleine Bootstour geben wird. Super!

Sundarban – 2. Tag

Montag, 27.Februar 2017

Wir schliefen alle wie die Murmeltiere. 5:00 Uhr (Bitte???) sind die Kids wach und wollen Fußball spielen. Ich fasse es nicht. Und schwupp sind 90% der 12 draußen. Was für eine Energie!

Fussball im Morgengrauen

Die beiden Fahrer haben in den Autos geschlafen. Da schwelte wohl noch der Konflikt des Vorabends, was sie aber offensichtlich nicht davon abhielt, auch den Abend alkoholisch zu beenden. Nun ja, bis zur Rückfahrt ist noch eine Weile und nun ist ja alles alle und Sundarban ist alkoholfreie Zone. So, also Fußball bis zum Frühstück. Ich genieße die Ruhe. Die Teacher schlafen noch. Frühstück gibt’s dann an dem herrlichen Platz im Garten oberhalb des Flusses. Wir kommen nebenbei auf Harmonie mit der Natur und Schlangen zu sprechen und Phil demonstriert den Umgang mit letzteren.

Phil erklärt, wie man mit Schlangen umgehen kann und muss, wenn sie ungebeten sind … als Alternative zum Erschlagen
Frühstück

Die Jungs zeigen sich sehr interessiert. Nach dem Frühstück geht’s dann mit dem Spezial-Sundarban-Transport … eine Art Lastenmotorrad … zum und dann ohne letzteres auf´s Boot und wir legen ab.

auf dem Weg zum Boot …

Eine schöne, wenn auch kurze Tour und einen Tiger sahen wir – erwartungsgemäß nicht – nicht. Phil sah – trotz jährlichen anwesenden Seins – nach 15 Jahren wieder mal einen in der letzten Woche und meinen Termin hielt Herr Tiger leider nicht ein. Unentschuldigt! Aber tolle Landschaft, gute Stimmung, viele Vögel, tolle und lehrreiche Gespräche. Natürlich verging die Zeit viel zu schnell. Voller Eindrücke ging´s zurück zum Camp und dort gab es dann Lunch. Wieder mal frisch gekocht und äußerst schmackhaft. Ach so, vor dem Essen noch Reinigungsprozedur im Teich. Muss man auch mal gemacht haben. Na gut, es gibt sicherlich einige, die sagen „muss man nicht“ 😉 …

Reinigungsbad … ungewöhnlich vielleicht, hier die klassische Methode

Nach dem Lunch: Na was schon? Fußball. Die Kids genießen sichtlich die Umgebung. Eigentlich wollte ich ja im Rahmen der Fastenaktion eine Begegnung mit den Sundarban-Kids schaffen, was jedoch aufgrund der Schulzeiten (und wir mussten ja gegen 15:00 Uhr los) nicht möglich war. Mittels einer Bildschirmpräsentation stellten sich die Kinder, ihre Lebensbedingungen und die Arbeit von Tiljala Shed den Mitarbeitern von „saving tiger society“ vor und hinterließen Eindruck.

Die Teilnehmer: Adil (12), Hafizul (14), Zearul (13), Atikul (14), Asmat (14), Haider (13), Salam (13), Ramjan (11), Tarvez (12), Sahil (12), Rezauddin Laskar, Kabir (10), die Betreuer Sajal und Chanchal

Danach geht’s jedenfalls zurück. Ein kleiner Unfall mit einem Fahrrad (gestreift) mit einer elend langen Diskussion darum, wer mehr Schuld hatte und – Gott sei Dank – ohne Verletzungen, ein kurzer Stopp für einen Snack mit Lektion in Umweltbewusstsein (meine Ragpickers warfen doch tatsächlich die Chipstüten auf den Boden. 3 m vom Papierkorb entfernt!) und der Begegnung mit der Realität (die säuberlich eingesammelten und im Mülleimer versenkten Tüten verbrannte dann der Ladenbesitze kurze Zeit später), der Trennung von den Aasra Sadan Kindern, die mit dem kleinen Wagen weiterfuhren, während wir warteten … kamen wir dann gegen 22:00 Uhr Park Circus an. Und während der 5stündigen Fahrt Hindi-Musik mit lautem Mitgesang und – entsprechend der begrenzten Möglichkeiten – Tanz im Jeep. Irgendwann singt man auch mit, wenn man kein Hindi kann 😉 „Oh Zalimar“ und „Wei dies, collaberry, collaberry, collaberry die“ … Was für eine Fahrt!

Fazit:

  • 12 Kinder aus Kolkata, aus den Slums und Squatter nach Sundarban gebracht und ein erlebnisreiches Wochenende beschert: 
  • Mit den Kindern „über den Tellerrand geschaut: 
  • Ersten Kontakt zwischen den NGO´s „saving tiger society“/ „Tiger awareness“ und Tiljala Shed hergestellt: 
  • Begeisterung für eine eventuelle weitere, dauerhafte Zusammenarbeit geweckt: 
  • Selbst Spaß gehabt, die Zeit genossen, den Kindern näher gekommen: 
  • Den Kindern einen neuen/ weiteren Zugang zum Thema „Verantwortung für die Umwelt“ eröffnet: 
  • Etwas für meine Bachelorarbeit getan: 
  • Kostenlimit eingehalten: 
  • Begegnungen zwischen den Dorfkindern und den Kindern aus Kolkata hergestellt und ausgewertet: 
  • Weiteres Vorgehen S.M.A.R.T. formuliert: 
  • Ideen für weiteres Vorgehen entworfen und vermittelt: 

Eigentlich keine schlechte Bilanz für das erste Mal. Vielleicht sollte ich einfach mal mit dem Erreichten zufrieden sein!?

Sundarban. Was? Warum? Was soll dieser Ausflug?

Sundarban ist ein etwa 120 km von Kolkata entferntes Naturschutzgebiet und Tiger Reservat, die Tiger leben in den Mangroven-Wäldern, „Tür an Tür“ mit der recht ärmlichen Dorfbevölkerung, die vom Krabbenfischen lebt. Sundarban ist wie ein riesiger Spreewald, die Kanäle und Flüsse trennen die Tiger von den Dörfern, sind aber für den guten Schwimmer kein Hindernis. Und so kommt es immer wieder auch zu tragischen Zwischenfällen, bei welchen mal der Tiger, mal der Fischer den Kürzeren zieht.

Hier wird u.a. „Saving Tiger society“ (namentlich Idrajit) mit Unterstützung von „Tiger awareness“ (namentlich Phil aus Großbritanien) tätig. Zum Schutz des Tigers, zum Schutz der Bevölkerung, zur Armutsbekämpfung und in der Bildung allgemein und im Hinblick auf Naturschutz und einem harmonischen Miteinander zwischen Mensch und Tier.

Beide lernte ich über Facebook kennen und besuchte vor 2 Jahren Sundarban. Seitdem reifte in mir eine Idee: Da ist eine NGO in Kolkata, eine in Sundarban. Nahe beieinander. Kein Kontakt. Kein Austausch. Zum Teil unterschiedliche Wirkungsbereiche, aber auch große Überschneidungen. Da meines Erachtens die Zukunft der sozialen Arbeit in der Netzwerkarbeit, der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen und dem Austausch liegt, war es mir eine Herzensangelegenheit, diese beiden NGO´s zusammenzubringen. Dies scheiterte vor 2 Jahren und 2016 war fast alles arrangiert. Dann musste Phil jedoch seinen Zeitplan umstellen und wir „begegneten“ uns sozusagen in der Luft.

Dieses Jahr hat es nun geklappt. Mit 12 Kindern und Jugendlichen fuhren wir über´s Wochenende nach Sundarban, nahmen am „Wildlife celebration day“ teil, machten uns bekannt. Fanden gemeinsame Interessen. Setzten einen Startpunkt. „Saving tiger“ übernahm die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, ich die für die Beförderung. Vielleicht der Auftakt einer weiteren Zusammenarbeit. Vielleicht nehmen 2018 Kinder aus Sundarban am „sports competion“ in Kolakata teil. Auf jeden Fall ein spannendes und erlebnisreiches Wochenende für die Kinder und Jugendlichen aus den Slums und auch für deren Begleiter (für alle erstmalig).

siehe auch: http://www.tigerawareness.co.uk

Kolkata

Dienstag, 28. Februar 2017

Morgens kurz ins Tiljala Shed Office. Shafkat informiert mich, dass ich, Jane und die beiden Volontäre um 19:00 Uhr zum Abendessen eingeladen sind. Bei ihm. Es gibt keinen Dresscode 😉 (nun ja, einen gewissen natürlich)

Ich verabrede mich mit MD Shamin Akthar … Adils Vater. Ich teile ihm mit, dass ich heute Nachmittag im open shelter mit den Kindern die Bilder von Sundarban ansehen will. „Open shelter? Wo ist das?“ Bitte???!!! Adil wohnt dort, schläft dort! Libary. Ah ja, das ist ein Begriff. Ihn zu treffen ist einer meiner vielen Verabredungen, welchen ich gern nachkomme. Ich kenne die Familie schon eine Weile. Mit seinen 3 Töchtern und dem Sohn Adil wohnt er im Slum. Er selbst arbeitet in der Lederfabrik. Bei meinem Besuch im letzten Jahr schenkte er mir ein Portemonnaie … ich möge ihn nicht vergessen. Na ganz sicher nicht! Die große Schwester Shaista ist unter „besonderer Betreuung“ von Shafkat, holt mit ihm Lehrstoff nach und legt sich mächtig ins Zeug. Sie will Police Officer werden. Adil wohnt nun auch seit 6 Monaten im Shelter. Für mich immer wieder interessant, wie gelassen die Kinder (zumindest nach außen) diese Trennungen hinnehmen. Für mich erklärt es sich durch die verbesserten Bedingungen. Adil (12 Jahre) ist einer der Jungs, die ich schon über Jahre kenne und die auch mit in Sundarban waren. Und mit ihm besteht auch während meiner Zeit in Deutschland immer mal wieder Kontakt durch WhatsApp oder Facebook. Das ist bei den wenigsten so.

So holt mich also der Vater im Hotel ab, hat wieder ein Geschenk für mich und meine Frau dabei und wir gehen gemeinsam durch den Slum zum Open Shelter. Ich habe immer meinen gleichen Weg, den ich mir eingeprägt habe. Mit ihm geht’s es auf verschlungenen Pfaden durch Squatter und Slum und die Eisenbahngleise. Als wir ankamen sind erst wenige Kinder da. Die Schule endet gerade erst und so können wir noch ein wenig reden. Wie viele Kinder dort, ist Adil hungrig nach Bildung, begierig nach Schule. Er spricht – insbesondere für eine Gouverment school – ein wirklich gutes Englisch (da kann ich meines verstecken). Ich erfahre, dass der Vater noch nie hier war. Hier verbringen seine Töchter die Nachmittage und Adil „wohnt“ hier. Schwer nachvollziehbar und auch nicht richtig herauszubekommen, warum. Geht ein Mann, ein Vater hier nicht her? Weil die teacher (Erzieher) alles Frauen sind? Weil die Libary für Mädchen ist? Weil … ? Ich weiß es nicht und will auch nicht nachbohren. Mangelndes Interesse ist es sicherlich nicht, dafür kenne ich ihn zu gut. Auch ist er sehr aufgeschlossen. Keine Ahnung und es bleibt für mich (wie vieles in diesem Land) merkwürdig und muss auch einfach mal so hingenommen werden.

Nach und nach trudeln alle ein, der Raum ist voll. Essen, Hausaufgaben, Spiele und dann wird wieder Laptop und Beamer ausgepackt und die Kids sind schon recht routiniert beim Zusammenbau und dem Umfunktionieren der Landkarten zur Leinwand. Nicht bedacht von mir und damit immer wieder eine kleine Herausforderung: Lage der Steckdosen und fehlende Verlängerungsschnüre! Den Tauchsieder hätte ich mir sparen können und dafür lieber ein Verlängerungskabel einpacken sollen 😉 Man lernt immer noch dazu. Aber egal, minimale Probleme tuen der Sache keinen Abbruch und stolz präsentieren und berichten die Teilnehmer des Wochenendausfluges den anderen über Sundarban und erzeugen Stauen und große Augen. Neid sehe ich nicht. Obwohl 12 von 600 in Sundarban mit waren. Alle sind sich einig: Das muss wiederholt werden. Schön wäre es.

Die Zeit vergeht wieder mal wie im Flug und es ist Zeit für Hotel, Dusche und umziehen. Ich bin inzwischen auch umgezogen. Vom „Insha“ ins „Park inn“ … da war ich vor Jahren schon mal, ist nur wenig teurer, aber ruhiger (dachte ich!), näher am Slum und hat WLAN. Das möchte ich nutzen, denn es wird eine der wenigen Möglichkeiten auf meiner Reise sein. Also zurück, Eimerdusche und „in Schale geworfen“ und ab zu Shafkat. Ich rufe noch an, dass ich etwas später komme. Wieder mal nicht an Indien gedacht 😉 Als ich 19:20 Uhr da bin, bin ich der erste Gast und Shafkat schläft noch 😉 … Ich nutze die Gelegenheit, mal wieder mit seinem Vater ins Gespräch zu kommen. Alamgir hat die Organisation Tiljala Shed gegründet und ist noch persönlich mit Mutter Theresa durch die Slums gezogen. Also immer interessante Gespräche. Wenn mein Englisch noch besser wäre, könnte ich davon noch stärker profitieren. Nach und nach trudeln auch Jane und die beiden Volontäre aus Italien und Australien ein. Sie arbeiten – wenn ich es richtig verstanden habe – für ein halbes Jahr im Office mit. Das Essen wird aufgetafelt und endet mit bengal sweets. Klar! Allerdings wird – für uns mal wieder ungewöhnlich – nur für uns serviert. Die Familie isst später. Dann wird noch ein kleiner Blick auf den schlafenden 2jährigen geworfen, ich nehme an der „Wach-mach-und-Präsentations-Zeremonie“ nicht mehr teil, habe gesehen, dass Alamgir todmüde ist und ziehe mich dankbar für das herrliche Dinner zurück. Ich bin in meiner „alten Gegend“ (die anderen Jahre hatte ich eine Wohnung in diesem Haus im Erdgeschoß), hier saß ich immer früh an der offenen Wasserleitung, trank meinen Kaffee und rauchte meine Zigarette. War im Gespräch mit den Bewohnern des angrenzenden Slums, die zum Wasserholen kamen, den Kindern, die zur Schule gingen, den Verkäufern, die ihre Marktstände aufbauten. Das fehlt mir. Dieses mittendrin. Nach dem Aufstehen. Und das Nachdenken. So warf mich jeden Morgen das grauenhafte Geräusch einer Pumpe aus dem Bett bzw. riss mich nach oft kurzer Nacht aus dem Schlaf und trieb mich dann nach draußen. Etwas mürrisch. Bis ich einmal dort saß, das Geräusch verstummt – und damit das Wasser aus der Leitung versiegt! – war und ein Mann mit seiner leeren Flasche davor stand. Dieses mich nervende Geräusch bedeutet für andere Wasser! Leben! „Komfort“. Ich brauchte nur aufstehen, hineingehen, den Wasserhahn aufdrehen und konnte seine Flasche füllen. Aber jeden Morgen und jeden Abend stehen an dieser Leitung Menschen mit Eimern und Flaschen Schlange. Kinder, Greise. Schleppen das für den Tag benötigte Wasser in die Hütten. Wieviel Eimer Wasser benötige ich für den Tag? Ich weiß es nicht. Ich wüsste nicht, wieviel ich holen muss. Zum Kochen, Waschen, Toilette. Hier musst du es wissen. Und holen. … Und eine weitere Erinnerung, die mir immer etwas merkwürdig vorkam. Wenn ich morgens mit meinem Kaffee und im Gespräch vertieft dort saß, kamen oft Gruppen von Europäern vorbei. Mund und Nase teilweise verhüllt zogen sie die Straße entlang. Viele ohne einen Blick nach rechts oder links zu riskieren. Sie wurden angelächelt, freundlich gegrüßt. Nicht etwa belästigt, angebettelt oder gar berührt. Und trotzdem gab es von vielen keine Erwiderung, keinen Gruß, kein Lächeln. Wohin gehen sie? Wer sind diese Gruppen? Ich fragte Shafkat einmal und er meinte, sie gehen zu „mothers house“. Und mein Gedanke: „auf dem Weg zu „mothers house“ aber nicht auf „mothers way“ … Slum, squatter ist eine Herausforderung. Für alle Sinne. Und ich kann verstehen, wenn man sich unwohl fühlt. Vielleicht angeekelt ist. Angst vor Erkrankungen, Ratten usw. hat. Was ich nicht verstehen kann: Warum nehme ich diesen Weg? Es gibt andere, bequemere Wege zu „mothers house“, es gibt Taxis. Warum gehe ich da lang, wenn ich nicht für eine Begegnung – und ich meine keine Umarmungen! – bereit bin? Was macht es mit den Menschen, die dort leben, mit dem Selbstwertgefühl, wenn man ignoriert wird, ein Gruß nicht erwidert wird? Vielleicht spenden diese Gruppen viel Geld und das ist wichtig und gut. Aber manchmal ist vielleicht das Spenden eines Lächelns wichtiger. Vielleicht.

Jedenfalls bin ich wieder hier. Nach dem Dinner. Und wen treffe ich? Meinen kleinen Freund Bikm und seinen Bruder. Wir haben jeden Morgen rumgealbert und tun dies natürlich auch heute Abend. Noch ein kleiner Glücksmoment vor dem Schlafen gehen. Dann ins Hotel und noch ein wenig das WLAN genutzt und ins Bett. Wieder mal ein ereignisreicher Tag, der zu Ende geht.

rumalbern mit Bikm … er ist der Stärkere 😉

open shelter? libary?

Hierbei handelt es sich um ein kleines Gebäude innerhalb des Slums Park Circus. Ein Teil der Arbeit von Tiljala Shed. Die Libary ist ein spezieller Raum für Mädchen. Klassische Bücherausleihe und Computerkabinett. Allerdings ohne Internetanschluss (derzeit). Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe. Darüber hinaus gibt es 2 Schlafräume mit Doppelstockbetten, um sich auszuruhen. Diese gehören zum „open shelter“. Vielleicht am ehesten mit einem Jugendclub bei uns vergleichbar. Die Kinder können hier nach der Schule kommen, bekommen zu Essen, Unterstützung bei den Hausarbeiten, haben Spiele. Nachts schlafen hier etliche Jungs, für die der Platz zu Hause nicht reicht. U.a. meine Freunde Hafizul, Adil, Atikul. Ich brachte dieses Jahr wieder Spiele und einen gesponserten Laptop von einem Freund mit. Hier finden auch Kurse im Tanzen und Zeichnen statt. Tiljala Shed plant, dieses Gebäude 3 stöckig auszubauen und damit Kapazität und Funktionen zu erweitern. Noch fehlt dafür das Geld. Trotz seiner geringen Größe ist es zentrale Anlaufstelle für die Kinder und Jugendlichen und für mich Hauptaufenthaltsraum im Slum.

Fastenaktion in Aasra Sadan

Mittwoch, 01. März 2017

Nach der kurzen Stippvisite auf dem Weg nach Sundarban geht es heute nach Aasra Sadan, um die Themen der diesjährigen Fastenaktion gemeinsam zu erarbeiten. Ich freue mich. Das Projekt, die Kinder dort, liegen mir sehr am Herzen, ich kenne auch dort einige schon mehrere Jahre. Die einstündige Fahrt dorthin macht wieder einmal die oft sehr schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen deutlich. Obwohl ich den Weg schon mehrfach gefahren bin, bewegt es mich noch immer. Zuerst sieht man links die große Mülldeponie Kolkatas und ich kenne Kinder und Erwachsene, welche jetzt gerade diese nach verwertbarem, nach verkaufbaren Resten durchsuchen.

die Mülldeponie

Danach ist es abhängig davon, auf welcher Seite man aus dem Fenster schaut. Links fließt ein Fluss neben der Straße und dahinter dehnen sich Gemüse- und Getreidefelder aus.

Rechts sieht man die großen Lederfabriken und es dauert nicht lange, da riecht man sie auch. Berge von giftigen Abfällen der Lederproduktion türmen sich auf, brennen zum Teil und stoßen giftige Wolken aus. Dazwischen liegen 20 m. Und aus den giftigen Schwaden kristallisiert sich das ein oder andere Dorf heraus. Ich denke ein paar Monate weiter. Monsun. Und die Wassermassen, die dann die giftigen Rest in den Fluss und auf die Felder spülen … Ich finde den Gestank schon bei der nur Minuten dauernden Vorbeifahrt unerträglich. Dort aufwachsen, wohnen, arbeiten?

hochgiftige Reste der Lederverarbeitung

Nach 1 h bin ich da. In Moulimukundo, Parganas. Willkommen sein. Die 22 Jungs rennen mich um. Eine kleine Oase. Mit Garten und großem Gelände. Bananen, Tomaten, Gewürze, Blumen … Nachdem ich mich einigermaßen befreien konnte, starten wir mit Chai und Lunch und ich habe unterwegs mit meinem Fahrer Aslam (den ich nun auch schon seit Jahren kenne) Süßigkeiten zum Nachtisch gekauft („bengal sweets“).

Danach sitzen wir auch hier zusammen, schauen Bilder vom Vorjahr mit Laptop und Beamer an und auch die Kinder hier können 50 zum Ausdrucken raussuchen. Meinen Fotoapparat bin ich natürlich wieder schnell los und die Jungs klicken ununterbrochen und präsentieren so u.a. ganz stolz ihren Garten und die Früchte ihrer Arbeit.

stolz wird jeder Teil des Gartens fotografiert und präsentiert

Nach und nach trudeln auch Kinder aus dem Dorf ein und wir können beginnen. Gemeinsam erarbeiten wir das Thema „Ich bin, weil du bist“. Wir beschäftigen uns mit Unterschieden, Diversity, Gemeinsamkeit und Einheit.

„Ich bin, weil Du bist“ – auf „Tuchfühlung“ mit Haider

Wir erarbeiten die Hintergründe des diesjährigen Hungertuches und wir fühlen ganz praktisch, was verbunden-sein heißt, wie es sich anfühlt, was es bewirkt.

Wir spannen ein Netz, …
… welches trägt!
Verbunden sein. Das Tun des Anderen spüren. Halt geben. Vertrauen wagen.

Es macht einfach Spaß, mit diesen Kindern an solchen Themen zu erarbeiten. Sie sind interessiert, machen mit, haben Ideen und Freude dabei. Wir denken über unsere Verantwortung für den anderen und die Umwelt nach, erinnern dabei noch einmal an den Besuch in Sundarban. Wir machen uns Gedanken über die Kleinigkeiten, die jeder Einzelne heute und morgen verändern kann, über unsere Ideen und Träume für die Zukunft. Und dann entstehen Blumen mit diesen Ideen, Wünschen und Träumen – eine Blumenwiese. „Die Welt ist voller Ideen – lass sie wachsen“.

Blumen voller Ideen

Und zum Schluss leuchten wir gemeinsam mit Wunderkerzen als Licht für die Welt.

Und dann ist es auch schon wieder Zeit, Abschied zu nehmen. Ein schöner Nachmittag geht zu Ende. Und ich verspreche, noch einmal wieder zu kommen, wenn ich aus Rajasthan zurück bin und plane eine Übernachtung vor Ort, um mehr Zeit zu haben. Mal sehen, ob es klappt.

Und Haider weint. Noch nie habe ich diesen starken Jungen weinen sehen. Überhaupt: Mir sind immer wieder Kinder in schwierigsten Lebenssituationen begegnet, doch die Anzahl weinender Kinder kann ich an einer Hand abzählen. Ich kenne Haider schon eine ganze Weile und auch seinen Hintergrund ein wenig. Er war auch mit in Sundarban. Und so nimmt mich seine Reaktion sehr mit und ich frage mich, ob ich vielleicht zu nah an den Kindern mit. Richte ich vielleicht mehr Schaden an, als ich nütze? Ich bin verunsichert. Ich werde es u.a. mit Soyal, einem der Betreuer besprechen und ich muss mit Haider beim nächsten Mal ins Gespräch kommen. Das Thema beschäftigt mich während der Rückfahrt und auch noch den restlichen Abend, welchen ich in meinem Hotel verbringe.