Kolkata

Dienstag, 28. Februar 2017

Morgens kurz ins Tiljala Shed Office. Shafkat informiert mich, dass ich, Jane und die beiden Volontäre um 19:00 Uhr zum Abendessen eingeladen sind. Bei ihm. Es gibt keinen Dresscode 😉 (nun ja, einen gewissen natürlich)

Ich verabrede mich mit MD Shamin Akthar … Adils Vater. Ich teile ihm mit, dass ich heute Nachmittag im open shelter mit den Kindern die Bilder von Sundarban ansehen will. „Open shelter? Wo ist das?“ Bitte???!!! Adil wohnt dort, schläft dort! Libary. Ah ja, das ist ein Begriff. Ihn zu treffen ist einer meiner vielen Verabredungen, welchen ich gern nachkomme. Ich kenne die Familie schon eine Weile. Mit seinen 3 Töchtern und dem Sohn Adil wohnt er im Slum. Er selbst arbeitet in der Lederfabrik. Bei meinem Besuch im letzten Jahr schenkte er mir ein Portemonnaie … ich möge ihn nicht vergessen. Na ganz sicher nicht! Die große Schwester Shaista ist unter „besonderer Betreuung“ von Shafkat, holt mit ihm Lehrstoff nach und legt sich mächtig ins Zeug. Sie will Police Officer werden. Adil wohnt nun auch seit 6 Monaten im Shelter. Für mich immer wieder interessant, wie gelassen die Kinder (zumindest nach außen) diese Trennungen hinnehmen. Für mich erklärt es sich durch die verbesserten Bedingungen. Adil (12 Jahre) ist einer der Jungs, die ich schon über Jahre kenne und die auch mit in Sundarban waren. Und mit ihm besteht auch während meiner Zeit in Deutschland immer mal wieder Kontakt durch WhatsApp oder Facebook. Das ist bei den wenigsten so.

So holt mich also der Vater im Hotel ab, hat wieder ein Geschenk für mich und meine Frau dabei und wir gehen gemeinsam durch den Slum zum Open Shelter. Ich habe immer meinen gleichen Weg, den ich mir eingeprägt habe. Mit ihm geht’s es auf verschlungenen Pfaden durch Squatter und Slum und die Eisenbahngleise. Als wir ankamen sind erst wenige Kinder da. Die Schule endet gerade erst und so können wir noch ein wenig reden. Wie viele Kinder dort, ist Adil hungrig nach Bildung, begierig nach Schule. Er spricht – insbesondere für eine Gouverment school – ein wirklich gutes Englisch (da kann ich meines verstecken). Ich erfahre, dass der Vater noch nie hier war. Hier verbringen seine Töchter die Nachmittage und Adil „wohnt“ hier. Schwer nachvollziehbar und auch nicht richtig herauszubekommen, warum. Geht ein Mann, ein Vater hier nicht her? Weil die teacher (Erzieher) alles Frauen sind? Weil die Libary für Mädchen ist? Weil … ? Ich weiß es nicht und will auch nicht nachbohren. Mangelndes Interesse ist es sicherlich nicht, dafür kenne ich ihn zu gut. Auch ist er sehr aufgeschlossen. Keine Ahnung und es bleibt für mich (wie vieles in diesem Land) merkwürdig und muss auch einfach mal so hingenommen werden.

Nach und nach trudeln alle ein, der Raum ist voll. Essen, Hausaufgaben, Spiele und dann wird wieder Laptop und Beamer ausgepackt und die Kids sind schon recht routiniert beim Zusammenbau und dem Umfunktionieren der Landkarten zur Leinwand. Nicht bedacht von mir und damit immer wieder eine kleine Herausforderung: Lage der Steckdosen und fehlende Verlängerungsschnüre! Den Tauchsieder hätte ich mir sparen können und dafür lieber ein Verlängerungskabel einpacken sollen 😉 Man lernt immer noch dazu. Aber egal, minimale Probleme tuen der Sache keinen Abbruch und stolz präsentieren und berichten die Teilnehmer des Wochenendausfluges den anderen über Sundarban und erzeugen Stauen und große Augen. Neid sehe ich nicht. Obwohl 12 von 600 in Sundarban mit waren. Alle sind sich einig: Das muss wiederholt werden. Schön wäre es.

Die Zeit vergeht wieder mal wie im Flug und es ist Zeit für Hotel, Dusche und umziehen. Ich bin inzwischen auch umgezogen. Vom „Insha“ ins „Park inn“ … da war ich vor Jahren schon mal, ist nur wenig teurer, aber ruhiger (dachte ich!), näher am Slum und hat WLAN. Das möchte ich nutzen, denn es wird eine der wenigen Möglichkeiten auf meiner Reise sein. Also zurück, Eimerdusche und „in Schale geworfen“ und ab zu Shafkat. Ich rufe noch an, dass ich etwas später komme. Wieder mal nicht an Indien gedacht 😉 Als ich 19:20 Uhr da bin, bin ich der erste Gast und Shafkat schläft noch 😉 … Ich nutze die Gelegenheit, mal wieder mit seinem Vater ins Gespräch zu kommen. Alamgir hat die Organisation Tiljala Shed gegründet und ist noch persönlich mit Mutter Theresa durch die Slums gezogen. Also immer interessante Gespräche. Wenn mein Englisch noch besser wäre, könnte ich davon noch stärker profitieren. Nach und nach trudeln auch Jane und die beiden Volontäre aus Italien und Australien ein. Sie arbeiten – wenn ich es richtig verstanden habe – für ein halbes Jahr im Office mit. Das Essen wird aufgetafelt und endet mit bengal sweets. Klar! Allerdings wird – für uns mal wieder ungewöhnlich – nur für uns serviert. Die Familie isst später. Dann wird noch ein kleiner Blick auf den schlafenden 2jährigen geworfen, ich nehme an der „Wach-mach-und-Präsentations-Zeremonie“ nicht mehr teil, habe gesehen, dass Alamgir todmüde ist und ziehe mich dankbar für das herrliche Dinner zurück. Ich bin in meiner „alten Gegend“ (die anderen Jahre hatte ich eine Wohnung in diesem Haus im Erdgeschoß), hier saß ich immer früh an der offenen Wasserleitung, trank meinen Kaffee und rauchte meine Zigarette. War im Gespräch mit den Bewohnern des angrenzenden Slums, die zum Wasserholen kamen, den Kindern, die zur Schule gingen, den Verkäufern, die ihre Marktstände aufbauten. Das fehlt mir. Dieses mittendrin. Nach dem Aufstehen. Und das Nachdenken. So warf mich jeden Morgen das grauenhafte Geräusch einer Pumpe aus dem Bett bzw. riss mich nach oft kurzer Nacht aus dem Schlaf und trieb mich dann nach draußen. Etwas mürrisch. Bis ich einmal dort saß, das Geräusch verstummt – und damit das Wasser aus der Leitung versiegt! – war und ein Mann mit seiner leeren Flasche davor stand. Dieses mich nervende Geräusch bedeutet für andere Wasser! Leben! „Komfort“. Ich brauchte nur aufstehen, hineingehen, den Wasserhahn aufdrehen und konnte seine Flasche füllen. Aber jeden Morgen und jeden Abend stehen an dieser Leitung Menschen mit Eimern und Flaschen Schlange. Kinder, Greise. Schleppen das für den Tag benötigte Wasser in die Hütten. Wieviel Eimer Wasser benötige ich für den Tag? Ich weiß es nicht. Ich wüsste nicht, wieviel ich holen muss. Zum Kochen, Waschen, Toilette. Hier musst du es wissen. Und holen. … Und eine weitere Erinnerung, die mir immer etwas merkwürdig vorkam. Wenn ich morgens mit meinem Kaffee und im Gespräch vertieft dort saß, kamen oft Gruppen von Europäern vorbei. Mund und Nase teilweise verhüllt zogen sie die Straße entlang. Viele ohne einen Blick nach rechts oder links zu riskieren. Sie wurden angelächelt, freundlich gegrüßt. Nicht etwa belästigt, angebettelt oder gar berührt. Und trotzdem gab es von vielen keine Erwiderung, keinen Gruß, kein Lächeln. Wohin gehen sie? Wer sind diese Gruppen? Ich fragte Shafkat einmal und er meinte, sie gehen zu „mothers house“. Und mein Gedanke: „auf dem Weg zu „mothers house“ aber nicht auf „mothers way“ … Slum, squatter ist eine Herausforderung. Für alle Sinne. Und ich kann verstehen, wenn man sich unwohl fühlt. Vielleicht angeekelt ist. Angst vor Erkrankungen, Ratten usw. hat. Was ich nicht verstehen kann: Warum nehme ich diesen Weg? Es gibt andere, bequemere Wege zu „mothers house“, es gibt Taxis. Warum gehe ich da lang, wenn ich nicht für eine Begegnung – und ich meine keine Umarmungen! – bereit bin? Was macht es mit den Menschen, die dort leben, mit dem Selbstwertgefühl, wenn man ignoriert wird, ein Gruß nicht erwidert wird? Vielleicht spenden diese Gruppen viel Geld und das ist wichtig und gut. Aber manchmal ist vielleicht das Spenden eines Lächelns wichtiger. Vielleicht.

Jedenfalls bin ich wieder hier. Nach dem Dinner. Und wen treffe ich? Meinen kleinen Freund Bikm und seinen Bruder. Wir haben jeden Morgen rumgealbert und tun dies natürlich auch heute Abend. Noch ein kleiner Glücksmoment vor dem Schlafen gehen. Dann ins Hotel und noch ein wenig das WLAN genutzt und ins Bett. Wieder mal ein ereignisreicher Tag, der zu Ende geht.

rumalbern mit Bikm … er ist der Stärkere 😉

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